Die Journalisteninitiative ProQuote hält die avisierte Wahl von Alexander Bommes für das Moderatorenteam der sportschau am Samstag für einen gewaltigen Rückschritt. „In 53 Jahren sportschau hat das Erste seit Anne Will 1999 gerade mal zwei Frauen die Moderation des Ur-Formats am Samstag anvertraut“, sagt ProQuote-Vorstand Helene Endres. „Weibliche Kompetenz ist hier überfällig. Dass Fußball längst keine Männersache mehr ist, zeigt die WM: Die Hälfte der TV-Zuschauerinnen sind Frauen.“

Die zuständige WDR-Fernseh-Chefredakteurin Sonia Mikich will sich zur schwebenden Personalie Bommes nicht äußern. Mikich hält aber dagegen, dass die sportschau mit Jessy Wellmer und Julia Scharf künftig zwei Moderatorinnen aufbiete – am Sonntag. „Die Sonntags-Sportschau verhält sich zur Samstags-Sportschau wie die 14-Uhr-Tagesschau zur 20-Uhr-Tagesschau“, sagt Endres. „Wieso wird Julia Scharf nicht direkt ins Samstagsteam geholt? Gegenüber gestandenen Kollegen wie Matthias Opdelhövel hat sie voraus, dass sie sich nicht über Gameshows qualifiziert hat, sondern ihr Handwerk von der Pike auf gelernt hat.“ Scharf hat Sportpublizistik studiert – ihre ersten Berichte galten Kreisliga-Kicks, später warb der SWR sie vom Sender Sport1 ab.

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Carmen Thomas

Carmen Thomas, die 1973 als erste Frau im deutschen Fernsehen den Sport moderiert hat, sieht die Gründe denn auch nicht in mangelnder Qualifikation der Kolleginnen. „Bei wirklich wichtigen Positionen helfen die Männer den Frauen dann doch lieber in den Mantel als in ein Amt, das sie selbst gern hätten oder behalten möchten.“ Fast überall in den Medien entscheiden heute männliche Ressortleiter über Sport-Personalien, bestätigt Journalismusforscher Prof. Dr. Marcus Bölz von der Fachhochschule des Mittelstands in Hannover. Ergebnis: „Frauen sind im Sportjournalismus so zahlreich wie Palmen in Parkhäusern“, so Bölz.

Die Frauenpräsenz in den Medien könne nur eine Quote ändern, glaubt Carmen Thomas, „ohne die wird es immer Gründe geben, Frauen nicht zu nehmen – egal, wie gut sie sind.“ Auch Professor Bölz betont die Wichtigkeit gezielter Frauenförderung: „Über den Sport werden Menschen zu Markenzeichen ihrer Arbeitgeber – siehe Günther Jauch, Oliver Welke, Reinhold Beckmann oder Johannes B. Kerner.“ Derselbe Mechanismus könne auch Frauen an die vorderste Front katapultieren: Die Karrieren von Anne Will und Maybrit Illner begannen auch im Sport. Bölz‘ Empfehlung: „Professionelle Sportjournalistinnen können tradierte Redaktionsprozesse positiv erneuern. Sie sind noch viel zu selten dort zu finden.“

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