ProQuote verleiht „Preise mit Gefühl“ an di Lorenzo (ZEIT), Schirrmacher (FAZ) und Boudgoust (SWR)

Hamburg, 23. Februar. Die Journalisteninitiative „ProQuote“ hat am Samstagabend in Hamburg erstmals ihre „Preise mit Gefühl“ verliehen. Die Jury ist der neunköpfige Vorstand des Vereins, die Kriterien: Wer brachte ProQuote zum Jubeln, wer eher zum Weinen, wer zur Verzweiflung mit seiner Ignoranz?

Hauptgewinner war ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, dem der goldene „Hahn im Korb“ überreicht wurde als Zeichen seines Muts. Hintergrund: Am 26. Februar 2012 hatten 350 Journalistinnen einen Brief an deutsche Chefredakteure und Intendanten geschickt mit der Frage, ob sie bis 2017 eine Frauenführungsquote von 30 Prozent schaffen würden. Di Lorenzo antwortete auf der Titelseite der ZEIT: „Namens der Chefredaktion der ZEIT erkläre ich: Wir nehmen den Ball auf und werden alles in unserer Macht stehende tun, dieser Forderung gerecht zu werden.“ Seinen Worten folgten Taten: Mit Sabine Rückert hat die Zeitung nun eine stellvertretende Chefredakteurin; der Frauenführungsanteil in der Textredaktion liegt bei 30,4 Prozent – ein „Grund zum Jubel“, so ProQuote-Vorsitzende Annette Bruhns.

Der Preis „Hasenherz“ wurde dem Intendanten des Südwestrundfunks, Peter Boudgoust, in Abwesenheit verliehen. Er erhielt ihn für seine Feigheit gegenüber der Quote. Nachdem er im Juni 2012 vier Direktorenstellen mit Männern nachbesetzte, fragte ProQuote zweimal nach, wie sich diese Besetzungen mit zum Gleichstellungsziel des öffentlich-rechtlichen Senders verhielten. Boudgoust antwortete: „Ich habe großes Verständnis für Ihr Engagement. Und doch gibt es – wie ich finde – ein passendes Sprichwort: Gras wird nicht länger, wenn man dran zieht.“ Bruhns: „Der Vergleich ist so schief, dass es schmerzt.“

Ein Sonderpreis ging an Frank Schirrmacher, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Grund: Der Publizist, der derzeit gerade mit seinem Buch „Ego“ die Gesellschaft seziert und auch sonst nie um Kritik verlegen war, scheint Selbstkritik fremd zu sein. Das Anliegen von ProQuote war der FAZ vor einem Jahr nur eine dürre Meldung wert – der Rest war Schweigen. Der Frage, warum er ProQuote nicht antworten würde, wich Schirrmacher am 24. Mai in der ZEIT mit einer Gegenfrage aus: ‚Was hätten wir machen sollen?“ Antwort: „Mehr berichten. Auch über die Realität im eigenen Blatt.“ Schirrmacher: „Nein, nein, da sind wir anders.“ Der FAZ-Mann weiter: „Das wäre doch verlogen. Fakten zählen.“
ProQuote hat nachgezählt: Die Frankfurter Allgemeine hat zwei Ressortleiterinnen, und damit einen Frauenführungsanteil von 8,7 Prozent. Die fünf Männer an der Spitze der Zeitung sind ganz unter sich. Zur Ermutigung zu mehr Normalität verlieh der Verein Schirrmacher – ebenfalls in Abwesenheit – den „Trau dich“-Frosch. Auch diese Trophäe ist eine Arbeit des Nürnberger Künstlers Otmar Hörl.

ProQuote möchte den beiden auf der Geburtstagsparty der Initiative abwesenden Preisträgern die Trophäen noch persönlich überreichen. SWR-Chef Boudgoust kann dann auch mit Lob rechnen: Der Sender hatte gestern mitgeteilt, dass drei Hauptabteilungen künftig von Frauen geleitet werden, Kultur, Familie und Unterhaltung. Dadurch werde „Führung im SWR weiblicher“, so Boudgoust. Bruhns: „Steile Lernkurve, weiter so!“

Nachfragen bitte an: kontakt@pro-quote.de


Die Preisverleihung erfolgte am 23. Februar 2013 um ca. 22 Uhr im Hamburger Lokal „Imara“, Eppendorfer Weg 186. Giovanni di Lorenzo nahm den Preis persönlich entgegen und versprach, den Goldenen Gockel in seiner Redaktion aufzustellen. ProQuote-Ehrengäste waren Bundesministerin Ursula von der Leyen (CDU) und die Hamburger Gleichstellungssenatorin Jana Schiedek (SPD).

Hier finden Sie die Fotos der Party samt Preisverleihung (mit Preisträgern).

 

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