Hamburg, 13.08. 2015. „Das Haus ist reif für Frauen an der Spitze“, verkündete Klaus Brinkbäumer gegenüber den ProQuote-Vorständinnen Dorothea Heintze und Sylvia Nagel bei deren Besuch beim Chefredakteur des SPIEGEL. Brinkbäumer hat als erster SPIEGEL-Chef eine Frau zu seiner Stellvertreterin ernannt. „Der Schritt war normal und natürlich und keine Heldentat mehr, weil er schlicht mit Leistung und Qualifikation zu tun hatte“, räumte er ein.

Seit dem Kampagnen-Start von ProQuote stieg der Frauenmachtquotient* des Nachrichtenmagazins von 5,9 Prozent im Februar 2012 auf 29,2 Prozent im Juli 2015. Drei von acht Ressorts führen mittlerweile auch Frauen, drei weitere haben zumindest eine stellvertretende Ressortleiterin an der Spitze. Dagegen tritt der Konkurrent FOCUS vergleichsweise auf der Stelle: Der gewichtete Frauenführungsanteil* von 16,7 Prozent in 2012 liegt heute erst bei 19,1 Prozent.

Heintze Brinkbäumer Nagel 2015 08 13

Foto mit Dorothea Heintze, Klaus Brinkbäumer, Sylvia Nagel (v. li.)

„Wir sind gut, aber noch nicht gut genug“, befand Brinkbäumer. „Es gibt beim SPIEGEL immer noch Nachholbedarf in punkto Frauen.“ Bei gleicher Qualifikation würde er sich daher immer für die Frau entscheiden. Allerdings nur in der Theorie: „Ich habe noch nie erlebt, dass zwei Bewerber exakt gleich qualifiziert sind.“

Zwar seien die Medien im Vergleich zu anderen Branchen noch immer weit zurück, aber: „Es ist, auch dank ProQuote, ein Druck entstanden, der der Medienwelt gut getan hat“, sagte Brinkbäumer und beschrieb weiteren Handlungsbedarf: „Einfach nur warten, dass Frauen von ganz allein den Weg nach oben schaffen, ist nicht genug. Personalverantwortung bedeutet, dass man handeln muss.“ Er gehe deshalb gezielt auf Kolleginnen zu und ermuntere sie, sich zu bewerben.

„Ich fand die männlich geprägte Hierarchie des SPIEGEL schon immer etwas seltsam“, gestand der 48-Jährige. Diese Führungsstruktur habe im Haus lange nachgewirkt. Inzwischen aber habe der SPIEGEL „einen grundsätzlichen Wandel“ erlebt. „Kollegen und Kolleginnen arbeiten beim SPIEGEL längst erwachsen und auf Augenhöhe zusammen”, so deren Chefredakteur. Dies sei unumkehrbar.

Am Gleichstellungsziel angekommen ist der SPIEGEL noch nicht: Bei SPIEGEL Online (SPON) etwa werden derzeit gerade einmal zwei Ressorts, Reise und Unispiegel, von Frauen geleitet; mit Florian Harms steht wieder nur ein Mann allein an der Spitze. Doch auch für die Online-Redaktion gelobte Brinkbäumer Besserung: „Es gibt jedenfalls keinen Grund, wieso Frauen nicht die Hälfte aller Spitzenposten im Haus besetzen könnten.“ Längst seien schließlich in allen Abteilungen und Ressorts hochqualifizierte Kolleginnen, so der Herausgeber von SPON. Er wisse, dass dies nicht alle Männer so sehen würden. Angst? „Ja, natürlich gibt es auch Ängste.“ Manche Männer hätten gedacht, vermutete Brinkbäumer: „ ‚Hier werde ich nichts mehr, weil nur noch Frauen in die Führungsposten hineingeschoben werden.’ Die sehen hoffentlich, dass das nicht stimmt.” Und ergänzte dann noch: „Allerdings: Jungs berufen nur Jungs – das machen wir nicht mehr.“

* PQ berechnet den gewichteten Frauenführungsanteil nach einer besonderen Methode. Wie, das erfahren Sie hier. Und hier können Sie das Kamelerennen verfolgen.