Hamburg 19.12.13 Die Journalisteninitiative ProQuote Medien warnt vor saudi-arabischen Verhältnissen im öffentlich-rechtlichen Hörfunk. “Im September hat der NDR gleich fünf Männer auf attraktive Auslandsposten geschickt, nach Brüssel, London, Moskau, Tokio und Neu Delhi”, sagte Annette Bruhns, Vorsitzende von ProQuote Medien, “Anlass für uns, mal nachzuzählen.” Ergebnis: Nur 18 der 60 ARD-Radio-Korrespondentenstellen sind weiblich besetzt, nur jede sechste Studioleitung hält eine Frau inne. “Das reicht kaum, um die derzeitige 50-50-Verteilung auf den Chefredakteursposten des Hörfunks auf Dauer zu halten”, so Bruhns, “Journalistenkarrieren werden im Ausland gemacht.”

Auch für die Hörer sei diese Entwicklung bedenklich, erläuterte die frühere Chefredakteurin des WDR-Hörfunks, Helga Kirchner. “Auslandskorrespondenten formen das Weltbild des Publikums und transportieren dabei ihre eigenen Sichtweisen – schauen also aus dem Blickwinkel einer Frau oder eines Mannes”, so die Radio-Veteranin. Die ARD sei zu Recht auf ihr einzigartiges Korrespondentennetz stolz. Wenn dort Frauen und Männer zu gleichen Teilen berichteten, könnten die Sender “mehr Tiefenschärfe” liefern.

Allerdings haben wichtige und für Frauen kritische Regionen wie der arabische Raum (Studio Kairo), Türkei/ Griechenland (Studio Istanbul), Israel (Studio Tel Aviv) keine einzige weibliche Korrespondentin, weder beim Hörfunk noch beim Fernsehen. Auch aus den Studios in Rom oder Madrid berichten nur Männer.

Für Joachim Knuth, Hörfunkdirektor des NDR und Vorsitzender der ARD-Hörfunkkommission, spielt der geschlechtsbedingte Blickwinkel bei der Berichterstattung “nicht die entscheidende Rolle”. Es sei “die menschliche Sicht auf die Dinge, die vor allem zählt”, teilte er ProQuote mit. Im Übrigen sei es besonders für Frauen schwierig, Auslandsjob und Familie zu vereinbaren. Seine frühere Kollegin Kirchner hält dagegen, dies Problem hätten zunehmend auch Männer. “Die Arbeit im Ausland gilt als journalistische Königsdisziplin”, mahnte die Kölnerin. “Sie erhöht die Bekanntheit. Und die ist ein Pfund, mit dem sich für Karrieren wuchern lässt.”

Querverweis: Mit dem Begriff Frauen* beziehen wir uns auf alle Personen, die sich als Frauen identifizieren oder von der Gesellschaft als Frauen gelesen werden, einschließlich Transfrauen, Intersexuellen, Nonbinary Personen und allen, die sich mit dem weiblichen Spektrum identifizieren, um die Vielfalt und Komplexität von Geschlechtsidentitäten anzuerkennen und einzuschließen.

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